Die Kritik am acht- statt neunjährigen Gymnasium wird immer lauter. Schüler fühlen sich überfordert, Eltern klagen über die Belastung der Familie und Lehrer über zu wenig Stunden um den Lernstoff ausreichend ausführlich zu erklären. Kurz um: Alle klagen, nur diejenigen, die Verantwortung tragen – also die Politiker – sehen keinen großen Handlungsbedarf. Künftig sollen statt 265 Wochenstunden nur noch 260 an ein Fach gebunden sein und 5 Wochenstunden sollen „flexibler“ einsetzbar sein, zum Beispiel für Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe oder Projekte. Was eine Kürzung der effektiven Wochenstunden ohne eine Entrümpelung des Lehrplans bringen soll, erschließt sich den Lehrerorganisation nicht. Sie sprechen von „Zahlenspielchen“ und „Qualitätsverlust“.
«Gutes Lernen braucht aber Zeit», sagt die Vorsitzende des Bildungsausschusses, des Bundestages, Ulla Burchardt (SPD). «Wer das schnelle Abitur will, muss Ganztagsschulen schaffen. Alles andere ist Kinderschänderei.» Der renommierte Jugendforscher Klaus Hurrelmann fürchtet angesichts des bloß «zusammengepressten» Unterrichts bei jedem vierten Gymnasiasten eine deutliche Zunahme der Überforderung – bis hin zu klassischen Auswirkungen wie Aggression, Frustration, Schlafstörungen und anderen psychosomatischen Beschwerden.
Die CDU-geführten Länder, die das „Turbo-Abi“ einführten, weisen darauf hin, dass das schnellere Lernen dem europäischen Standard entspricht, vergessen dabei aber, dass im Großteil der europäischen Länder die Ganztagsschule die Regel und nicht wie in Deutschland die Ausnahme ist.
Eigentlich wollten die Kultusminister sich mit Korrekturen am «Turbo-Abitur» noch ein wenig Zeit lassen und erst Erfahrungen untereinander austauschen. Doch seit bei der Landtagswahl in Hessen, ein Teil der hohen CDU-Verluste auch auf den Unmut über die Bildungspolitik der Landesregierung unter Roland Koch (CDU) zurückgeführt wird, hatte die Debatte die Ministerpräsidenten erreicht. Christian Wulff (CDU) in Niedersachsen und Günther Oettinger (CDU) in Baden-Württemberg forderten von ihren Schulministern schnelles Handeln. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schaltete sich ein und mahnte eindringlich Nachbesserungen an.
Die Bildung wird nun wohl die Politik erreichen, die so kann man hoffen auf den Wähler hört und sich intensiv mit tiefgreifenden Änderungen auseinandersetzt. Wenn es nach den Schülern und Studenten ginge, nicht nur beim Abitur, sondern auch beim Studium.